„Ich hasse dich!“ - So wird aus verletzenden Worten wieder echte Nähe

Vor einiger Zeit habe ich eine Familie getroffen, die einen Familienausflug gemacht hat. Die Eltern und ihre Kinder haben sich alle auf den Ausflug gefreut, es gab dann aber einen Konflikt zwischen der ältesten Tochter und der Mutter. Ich habe nicht mitbekommen, was der eigentliche Auslöser war, aber das spielt auch gar keine große Rolle. Die Tochter rief wutentbrannt und mit Tränen in den Augen: „Ich hasse dich. Du bist eine furchtbare Mutter.“

Die Mutter war von diesen Worten sichtlich gekränkt. Sie hatte sich auf den Ausflug gefreut und warf ihrer Tochter vor, den ganzen Tag kaputtgemacht zu haben. Schließlich sagte sie, sie wolle den Ausflug abbrechen und nach Hause fahren. Sie sei jedenfalls nicht mehr bereit mit ihrer Tochter noch länger Zeit zu verbringen. Der Vater versuchte zu vermitteln. Die Mutter blieb dabei. Es habe keinen Sinn, mit ihr weiter herumzulaufen, der Tag sei gelaufen. Die Tochter habe „mal wieder alles kaputtgemacht“.

Ich bekam die Situation aus der Ferne mit und war voller Mitgefühl für diese mir unbekannte Familie. Die Verletzung war auf allen Seiten so deutlich zu spüren. Gleichzeitig waren an diesem Tag viele Menschen unterwegs und den Eltern war die Situation sichtlich unangenehm. Ich versuchte daher wegzuschauen, um nicht voyeuristisch zu sein. Aber der Streit war so laut, dass man kaum weghören konnte.

Solche Situationen gehen einem nahe. Es ist sichtbar, dass alle sich bemüht haben einen schönen Tag miteinander zu verbringen – und wie schrecklich er dann für alle endete. Es ist offensichtlich, dass der Ausflug auf beiden Seiten tiefe Spuren hinterlassen hat. 

Mich erinnert das immer an eine Szene aus Star Trek, in der Worf sagt: 

„Worte sind wie Pfeile, wenn sie einmal abgeschossen wurden, kann man sie nicht mehr zurückholen. Sie können Herzen treffen und Wunden schlagen [...]“ Worf, Star Trek: TNG, S7E13 

Wir alle haben sicherlich Momente erlebt, in denen wir aus der Wut heraus Dinge gesagt haben, die wir später bereut haben und wir alle wissen, wie lange es dauern kann, diese Wunden zu heilen. Eine Aussage des Gegenübers wird als Provokation erlebt, darauf folgt eine heftige Reaktion – und schon schaukelt sich der Konflikt weiter hoch. Am Ende sind alle unglücklich, und der Tag ist tatsächlich gelaufen.

Wie kann man solche Situationen vermeiden oder zumindest besser mit ihnen umgehen?

Wenn wir auf dieses Beispiel schauen, könnte man zunächst auf die Idee kommen zu sagen: „Die Mutter hätte die Worte ihrer Tochter im Pubertätsalter ja einfach nicht persönlich nehmen können“. Kinder sagen manchmal verletzende Dinge und als Erwachsene sollte man das von einer Meta Ebene aus betrachten. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Die Mutter hatte mit ihrer Tochter eine Vorgeschichte und war in diesem Moment offenbar sehr verletzt. Für sie war es in diesem Moment notwendig eine Grenze zu setzen und den Ausflug abzubrechen. Das ist legitim. Sie war selbst in einem emotionalen Ausnahmezustand. Wir tun der Mutter also unrecht, wenn wir ihr sagen, dass sie sich doch bitte besser hätte anstrengen sollen, um weiterhin liebevoll in Kontakt zu ihrer Tochter zu bleiben. In diesem Fall ist ein „Ich bin jetzt zu verletzt um weiterzumachen. Lass uns heute Abend darüber sprechen“ eine gesunde, liebevolle Entscheidung, da sie nicht in der Lage war es in der Situation selbst auf eine positive Art und Weise zu klären.

Vermutlich hatte die Mutter gehofft, dass der Ausflug die Stimmung zwischen ihr und ihrer Tochter verbessern würde. Vielleicht sollte es ein schöner Tag werden, der dabei helfen könnte, wieder näher zusammenzukommen. Als das nicht gelang, war die Enttäuschung groß. 

Man könnte auch auf die Idee kommen der Tochter zu sagen, dass sie sich doch bitte besser beherrschen möge und ihrer Mutter nicht solche Sachen an den Kopf knallen solle. Aber auch hier würde man der Tochter unrecht tun. Auch sie war in einer akuten Notlage und sah wohl keinen anderen Ausweg, als (verbal) um sich zu schlagen und ihrer Not so Ausdruck zu verleihen.

Die Tochter wirkte auf mich nur auf den ersten Blick wütend. Dahinter, das sah man deutlich, lag eine tiefe Verletzung und eine große Hilflosigkeit. Vielleicht fühlte sie sich nicht respektiert oder hatte das Gefühl, dass über ihren Kopf hinweg entschieden worden war. Was genau vorgefallen ist, bleibt Spekulation. Das muss ich aber auch nicht wissen, um den Konflikt zu verstehen. Solche Konflikte können unterschiedliche Auslöser haben und sind auf viele Familien übertragbar. Was ich jedoch weiß, ist, dass diese Konflikte in aller Regel auf einen grundlegenden Fehler zurückzuführen sind: Der Annahme, dass man Konflikte durch positive gemeinsame Erlebnisse einfach „wegzaubern" kann.

Ein gemeinsamer Ausflug kann unter Umständen helfen die Situation etwas zu entschärfen, sodass danach ein klärendes Gespräch möglich ist. Das Gespräch ersetzen kann er jedoch nicht. Eben weil der Ausflug höchstens dazu führen würde, dass der Konflikt „unter den Teppich gekehrt“ werden würde. Spätestens beim nächsten Konflikt wird die alte, unverarbeitete Wunde aber wieder aufbrechen und den aktuellen Konflikt befeuern, sodass der neue Konflikt noch heftiger ausfallen wird.

Als Eltern haben wir eine wichtige Führungsrolle in der Frage, wie wir mit Konflikten umgehen. Kinder haben zwar einen Anteil daran, wie die Stimmung in der Familie ist, aber sie sind nicht dafür verantwortlich, diese Stimmung zu regulieren. Das bedeutet nicht, dass Eltern immer ruhig und perfekt reagieren müssen. Auch Eltern haben Gefühle und können und dürfen ihrer Verletzung Ausdruck verleihen. Entscheidend ist, was wir nach einem solchen Eskalationspunkt machen.

Wenn die Mutter in diesem Moment nach meinem Rat gefragt hätte, dann hätte ich ihr folgendes gesagt:

 „Liebe Mama, es ist okay, verletzt und wütend zu sein. Du bist ein Mensch und du hast Emotionen und Gefühle. Und die sind nicht gesehen worden von deiner Tochter. Jetzt ist es nur so, dass deine Tochter sich gerade auch nicht gesehen fühlt. Es ist völlig verständlich, dass du jetzt eine Pause brauchst – das ist keine Bestrafung, sondern Selbstschutz. Vielleicht könnt ihr euch in einer Stunde oder heute Abend hinsetzen und eure Bedürfnisse ausdrücken. Ich würde euch gerne dabei begleiten eure Bedürfnisse zu äußern und euch wieder respektvoll zu begegnen“.

Doch wie kann Familienkommunikation so verändert werden, dass alle das Gefühl haben, gesehen zu werden?

Ein wichtiger Schritt ist, den Konflikt später in Ruhe nachzubesprechen. Dabei hilft es, nicht sofort wieder in die Konfrontation zu rutschen und dem Kind vorzuwerfen, es habe sich schlecht verhalten oder einen beleidigt. Solche Vorwürfe würden nur den nächsten Streit auslösen. 

Stattdessen kann man zunächst mittels Ich-Botschaften beschreiben, was man selbst erlebt und empfunden hat:

„Ich war sehr verletzt und wütend, als du gesagt hast, dass du mich hasst. Ich hatte das Gefühl, von dir in meinen Bemühungen eine gute Mutter zu sein nicht gesehen und nicht wertgeschätzt zu werden. Gleichzeitig merke ich, dass ich selbst überreagiert habe. Ich hatte gehofft, dass wir einen schönen Tag miteinander verbringen und uns dadurch wieder näherkommen. Ich war sehr enttäuscht, als das nicht so war. Mein Wunsch ist, wieder in einen engen Kontakt mit dir zu kommen – aber das funktioniert nicht, wenn wir Konflikte einfach ignorieren. Ich verstehe jetzt, dass du in der Situation mit deinen Worten darauf hinweisen wolltest, dass etwas nicht stimmt. Es war verletzend für mich, aber es war auch deine Art, deine Not auszudrücken. Das respektiere ich. Natürlich hätte ich mir gewünscht, du hättest das anders ausgedrückt – und gemeinsam können wir überlegen, wie das in Zukunft besser gehen kann. Was sind denn die Gründe, warum du immer wieder so wütend auf mich bist? Was wünschst du dir? Was müsste ich auch einfach anders machen, damit du das Gefühl hast, dass auch deine Bedürfnisse von mir gesehen und von mir verstanden werden?“

Ein solches Gespräch heißt nicht, dass danach wieder alles in Ordnung ist. Die Verletzungen werden auf beiden Seiten nachhallen. Es wird Zeit benötigen, damit Vertrauen wieder wachsen kann. Aber ein solches Gespräch kann helfen die Gräben wieder zuzuschütten, die entstanden sind. Durch solche Gespräche wird echte Nähe erst wieder möglich. 

Als Elternteil die eigenen Bedürfnisse und Emotionen auszusprechen kann auch dem Kind helfen sich darüber Gedanken zu machen, welche Bedürfnisse und Emotionen es selbst eigentlich hat – oftmals fällt es Menschen sehr schwer diese in Worte zu fassen. Wir lernen in der Schule schreiben und lesen, rechnen und To Do Listen abzuhaken – aber keiner bringt uns bei, wie wir mit uns und unseren inneren Vorgängen in liebevollen Kontakt kommen. Zu große Gefühle werden leider in der Gesellschaft nach wie vor oft als Makel angesehen. Selbst wenn die Tochter das Gespräch erst einmal ablehnt oder keine Worte findet, um ihren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen: Die Worte werden nachhallen. Wie kleine Samen, die auf fruchtbaren Boden fallen, werden daraus zarte Pflänzchen wachsen, die man hegen und pflegen muss. 

Wir müssen als Eltern nicht in jeder Situation perfekt handeln. Manchmal reagieren wir gekränkt oder werden laut. Wichtig ist, dass wir später darüber nachdenken, was passiert ist, und versuchen, wieder miteinander in Kontakt zu kommen. Oft ist es fast noch wichtiger, eine Beziehung nach einem Konflikt zu reparieren, als in jedem Moment alles richtig zu machen.

Wenn solche Konflikte sich immer wieder wiederholen oder eskalieren, lohnt sich eine kritische Frage: Reicht es aus, allein an eurer Kommunikation zu arbeiten?

Die ehrliche Antwort ist: Nicht immer. Es gibt Situationen, in denen der neutrale Blick von außen hilfreich und notwendig sein kann. 

In diesen Fällen ist professionelle Unterstützung z.B. durch einen Familientherapeuten, eine sozialpädagogische Beratungsstelle, oder anderer Fachleute kein Zeichen von Versagen, sondern von Weisheit.

Auch in unseren HeVI Übungsgruppen schauen wir solche konkreten Beispiele gemeinsam an und überlegen, wie man Gespräche anders führen und die Beziehung zu den eigenen Kindern wieder stärken kann. Ihr könnt unverbindlich einen einzelnen Termin in einer Übungsgruppe buchen, mich kennenlernen und dann entscheiden, ob das HeVI-Konzept „Positiv erziehen mit Herz, Verstand und Intuition“ zu euch passt.

Wenn euch der Beitrag weiterhilft, freue ich mich sehr, wenn ihr den Beitrag mit anderen Eltern teilt. 

Ich wünsche euch und euren Familien von Herzen alles Gute und freue mich, wenn wir uns hier oder im Kurs wiedersehen.

Eure Sarah

28.10.2028 Sarah Rau

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